Freitag, 23. November 2007

Misstrauen

Vor zwei Jahren, bei meinem ersten Besuch in Brasilien, bewegte ich mich voellig arglos - ja, ehrlich gesagt naiv, durch Rio de Janeiro. Bei meiner zweiten Ankunft, im August dieses Jahres, gefuettert von Aengsten und Sorgen meiner Liebsten in Deutschland, traute ich mich die ersten Tage kaum allein aus dem Haus. Mittlerweile kenne ich mich in Niterói gut aus und beginne auch, mich in Rio besser zurechtzufinden.

Doch an einen Teil der Angst und Unsicherheit der ersten Zeit musste ich mich gewoehnen - das Misstrauen. Misstrauen ist mein staendiger, unangenehmer, aber wohl notwendiger Begleiter. Jeder, dem man auf der Strasse begegnet und der irgendwie aermlich aussieht, ist erst mal verdaechtig. Meine Freundin Ana Lúcia, eine carioca, die seit 1,5 Jahren in Deutschland lebt, sagte mir, eines der schoensten neuen Gefuehle waere es gewesen, diesen Begleiter nach und nach zu loszuwerden.

Man lernt jedoch tatsaechlich, mit dem Misstrauen im Hinterkopf zu leben und dennoch offen und herzlich auf andere Menschen zuzugehen, wie es die brasilianische Lebensart beweist. Merkwuerdig ist es dennoch, fuer ein Maedchen aus Deutschland, vor allem aus Tuebingen, wo man sich jederzeit und ueberall bedenkenlos bewegen kann. In meiner Heimatstadt Koeln sehen die Dinge schon wieder anders aus. Mit der zunehmenden Gewalt und Kriminalitaet nistet sich auch dort das staendige Misstrauen ein - interessanterweise, wie in Brasilien, gepaart mit Offenheit und Herzlichkeit, typisch fuer die Koelner Mentalitaet. Die Ur-Tuebinger*, in ihrem sorglosen Staedtchen, sind dagegen wesentlich verschlossener - und ja, auch misstrauischer.

Am unangenehmsten ist mir mein neuer Begleiter Misstrauen, wenn er sich auf Kinder richtet. Kinder, der Inbegriff der Unschuld. Bei meiner Arbeit in der Favela Mare wusste ich nicht, mit welchen Kindern ich es zu tun hatte. Ich ging offen auf sie zu und liebevoll mit ihnen um, doch gab zum Beispiel meine Kamera nie ganz aus der Hand, hielt sie beim Bilderzeigen immer mit fest. Und hatte dabei ein schlechtes Gewissen, die Kinder wirkten so unschuldig, verspielt und kindlich wie meine Gabriella. Gestern musste ich mein Misstrauen allerdings bestaetigt sehen, denn viele Kinder Rio de Janeiros sind laengst keine Kinder mehr. Ich wartete mit Lena auf den Beginn des Konzerts von Jorge Aragão, in Lapa, einem der Ausgehviertel Rios. Ein Maedchen wollte mir Kaugummi verkaufen. Ich hatte kein Kleingeld bei mir (abgesehen davon, dass ich von Kindern eigentlich nichts kaufen mag), begann mich aber mit der Kleinen zu unterhalten. Sie ist acht Jahre alt, arbeitet jede Nacht auf der Strasse und verbringt die Tage schlafend. Als sie die kleine Digitalkamera in meiner Hosentasche bemerkte, holte ich diese raus und fragte, ob sie ein Foto von sich wolle, mich an die Begeisterung der Kinder in Maré erinnernd. Das kleine Maedchen antwortete kuehl, es moege keine Fotos von sich, koenne aber eines von mir machen, und versuchte die Kamera zu nehmen. Sie machte keinerlei Anstalten, mich tatsaechlich zu bestehlen, und ich unterhielt mich weiter freundlich mit ihr, wie mit jedem anderen Kind. Ich weiss aber, haette ich ihr die Kamera in die Hand gegeben, waere sie gerannt, wie jeder andere arme Erwachsene.

* (damit meine ich, nicht die Tuebinger Studenten, die einen ganz eigenen Kosmos dastellen)

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